Sucht und psychische Erkrankungen
Wenn die Seele nach Entlastung sucht
Warum Abhängigkeit und psychische Belastungen häufig miteinander verbunden sind – und weshalb es wichtig ist, beides gemeinsam zu verstehen.
Von Kerstin Koller, M.Sc. Klinische Psychologin
Veröffentlicht am 07.09.2026 · Lesezeit: ca. 15–20 Minuten
Auf einen Blick
Sucht und psychische Erkrankungen treten häufig gemeinsam auf. Dabei gibt es nicht immer eine einfache Antwort auf die Frage, was zuerst da war.
In diesem Beitrag geht es darum,
- warum psychische Belastungen den Konsum begünstigen können,
- wie Alkohol, Medikamente oder andere Substanzen kurzfristig zur Selbstregulation eingesetzt werden,
- weshalb eine Abhängigkeit psychische Symptome wiederum verstärken kann,
- was unter Komorbidität und Doppeldiagnosen verstanden wird,
- welche Rolle Depressionen, Ängste, Traumafolgen und andere psychische Erkrankungen spielen können,
- und warum nachhaltige Hilfe häufig bedeutet, nicht nur die Sucht, sondern den ganzen Menschen zu betrachten.
Denn manchmal ist die Sucht nicht das einzige Problem – sondern zunächst der Versuch, mit einem anderen Problem zurechtzukommen.
Willkommen
Psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen werden häufig getrennt voneinander betrachtet. In der Realität sind die Grenzen jedoch oft weniger eindeutig.
Ein Mensch trinkt vielleicht, um abends endlich zur Ruhe zu kommen. Ein anderer nimmt Medikamente, um Ängste auszuhalten. Wieder jemand anderes konsumiert, um belastende Erinnerungen für einige Stunden nicht spüren zu müssen oder einer depressiven Leere zu entkommen.
Was zunächst Entlastung verschafft, kann mit der Zeit zu einem eigenen Problem werden.
Gleichzeitig kann es auch andersherum sein: Langjähriger oder intensiver Konsum kann Ängste, depressive Symptome, Schlafstörungen oder andere psychische Beschwerden verstärken oder mit hervorrufen.
So entsteht eine Wechselwirkung, bei der die Frage
„Was war zuerst da – die Sucht oder die psychische Erkrankung?“
nicht immer eindeutig beantwortet werden kann.
Für das Verständnis eines Menschen ist deshalb etwas anderes entscheidend:
Nicht nur zu fragen, was jemand konsumiert – sondern auch, welche Funktion der Konsum in seinem Leben übernommen hat.
Wenn zwei Erkrankungen zusammenkommen
Treffen eine Suchterkrankung und eine weitere psychische Erkrankung gleichzeitig aufeinander, spricht man von einer Komorbidität. Im Zusammenhang mit Abhängigkeit wird häufig auch der Begriff Doppeldiagnose verwendet.
Dabei können ganz unterschiedliche Kombinationen auftreten. Eine Abhängigkeit kann beispielsweise gemeinsam mit Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, ADHS, Persönlichkeitsstörungen oder psychotischen Erkrankungen bestehen.
Doch das gleichzeitige Auftreten bedeutet nicht automatisch, dass eine Erkrankung die andere verursacht hat.
Manchmal bestand die psychische Belastung bereits lange vor dem problematischen Konsum. Manchmal entwickeln sich psychische Symptome erst im Verlauf einer Abhängigkeit. Und häufig beeinflussen sich beide Prozesse gegenseitig.
Drei mögliche Wege
Psychische Erkrankung → Konsum
Eine Substanz wird genutzt, um innere Anspannung, Angst, Leere, Schlafprobleme oder belastende Gedanken vorübergehend zu reduzieren.
Konsum → psychische Beschwerden
Regelmäßiger oder intensiver Konsum verändert körperliche und psychische Prozesse und kann bestehende Beschwerden verstärken oder neue Symptome begünstigen.
Beides beeinflusst sich gegenseitig
Psychische Belastung erhöht den Wunsch nach Entlastung. Der Konsum bringt kurzfristig Erleichterung, langfristig entstehen jedoch neue Schwierigkeiten – die wiederum die psychische Belastung erhöhen können.
So kann ein Kreislauf entstehen, aus dem es zunehmend schwerer wird, allein herauszufinden.
Deshalb reicht es häufig nicht aus, ausschließlich den Konsum zu betrachten. Ebenso wichtig ist die Frage, was hinter ihm steht.
Wenn Konsum eine Funktion übernimmt
Kaum jemand beginnt mit dem Gedanken, abhängig werden zu wollen.
Am Anfang steht häufig etwas anderes: der Wunsch, einen inneren Zustand zu verändern.
Eine Substanz kann vorübergehend dabei helfen,
- Angst und Anspannung zu reduzieren,
- belastende Gedanken leiser werden zu lassen,
- innere Leere weniger zu spüren,
- unangenehme Erinnerungen zu verdrängen,
- leichter einzuschlafen,
- sich selbstbewusster oder kontaktfähiger zu fühlen,
- oder für einige Stunden einfach nicht fühlen zu müssen.
Selbstmedikation – wenn Konsum zur eigenen „Behandlung“ wird
In diesem Zusammenhang wird häufig von der Selbstmedikationshypothese gesprochen.
Damit ist gemeint, dass Menschen Substanzen unter anderem deshalb konsumieren können, weil deren Wirkung bestimmte psychische Beschwerden kurzfristig lindert.
Alkohol kann beispielsweise zunächst beruhigen. Stimulanzien können vorübergehend Energie und Leistungsfähigkeit vermitteln. Andere Substanzen können Angst, innere Anspannung oder belastende Erinnerungen zeitweise in den Hintergrund treten lassen.
Das Problem dabei:
Was kurzfristig reguliert, kann langfristig destabilisieren.
Die ursprüngliche Belastung verschwindet durch den Konsum meist nicht. Gleichzeitig können Gewöhnung, Kontrollverlust, Entzugssymptome und die Folgen des Konsums hinzukommen.
So braucht der Mensch möglicherweise irgendwann die Substanz nicht mehr nur, um sich besser zu fühlen – sondern um sich überhaupt noch einigermaßen normal zu fühlen.
Und genau an diesem Punkt kann aus einer vermeintlichen Bewältigungsstrategie zunehmend eine Abhängigkeit werden.
Depression und Sucht
Bei einer Depression geht es um weit mehr als darum, „traurig“ zu sein.
Betroffene können unter Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, innerer Leere, Schlafstörungen, Grübeln, Interessenverlust oder dem Gefühl leiden, kaum noch Freude empfinden zu können.
Gerade dann kann Konsum zunächst verlockend erscheinen.
Alkohol kann Gedanken für einige Stunden leiser werden lassen. Andere Substanzen können kurzfristig aktivieren, enthemmen oder das Gefühl vermitteln, wieder etwas zu spüren.
Die kurzfristige Erleichterung hat jedoch ihren Preis
Was für einen Moment entlastet, kann depressive Beschwerden langfristig verstärken.
Es kann ein Kreislauf entstehen:
Depressive Stimmung → Konsum → kurzfristige Entlastung → Folgen des Konsums → stärkere depressive Belastung → erneuter Konsum
Hinzu kommen möglicherweise Konflikte, Rückzug, Schuldgefühle, finanzielle Schwierigkeiten oder Probleme im Beruf und in Beziehungen.
Damit wächst genau jene Belastung, vor der der Konsum ursprünglich schützen sollte.
Nicht jedes depressive Symptom bedeutet eine Depression
Für die Diagnostik ist eine wichtige Unterscheidung notwendig:
Depressive Symptome können bereits vor dem Konsum bestanden haben, durch eine eigenständige depressive Erkrankung erklärt werden oder im Zusammenhang mit Intoxikation, Entzug oder längerfristigem Substanzkonsum auftreten.
Deshalb ist es wichtig, nicht vorschnell zu urteilen, sondern den zeitlichen Verlauf genau zu betrachten.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Warum trinkt oder konsumiert dieser Mensch?“ – sondern auch: „Was versucht er damit möglicherweise auszuhalten, zu verändern oder nicht mehr spüren zu müssen?“
Angststörungen und Sucht
Angst gehört zum menschlichen Leben. Bei einer Angststörung nimmt sie jedoch ein Ausmaß an, das den Alltag erheblich beeinflussen kann.
Herzklopfen, innere Unruhe, Anspannung, ständiges Sorgen, Panikattacken oder die Angst vor bestimmten Situationen können dazu führen, dass Betroffene permanent versuchen, ihre innere Anspannung zu kontrollieren.
Und genau hier können Substanzen eine scheinbar hilfreiche Wirkung entfalten.
Wenn Alkohol plötzlich Sicherheit gibt
Alkohol wirkt zunächst entspannend und enthemmend. Soziale Situationen erscheinen leichter, Gedanken kreisen weniger und körperliche Anspannung kann vorübergehend nachlassen.
Ein Glas vor einer Feier.
Etwas Alkohol vor einem schwierigen Gespräch.
Ein Beruhigungsmittel vor einer belastenden Situation.
Was zunächst gelegentlich geschieht, kann sich langsam verändern.
Die Erfahrung lautet irgendwann:
„Damit kann ich es besser aushalten.“
Und später vielleicht:
„Ohne schaffe ich es nicht.“
Vermeidung verstärkt die Angst
Bei vielen Angststörungen spielt Vermeidung eine entscheidende Rolle.
Wer eine angstauslösende Situation nur unter Einfluss einer Substanz bewältigt, kann zwar kurzfristig Erleichterung erleben – gleichzeitig aber weniger erfahren, dass die Situation auch ohne diese Hilfe bewältigbar wäre.
So kann ein Kreislauf entstehen:
Angst → Konsum → kurzfristige Beruhigung → fehlende eigene Bewältigungserfahrung → stärkere Unsicherheit → erneuter Konsum
Zusätzlich können Alkohol und andere Substanzen selbst Unruhe, Schlafprobleme, Herzklopfen oder Angstgefühle verstärken – insbesondere wenn ihre Wirkung nachlässt oder Entzugssymptome auftreten.
Deshalb müssen beide Seiten betrachtet werden
Wird ausschließlich der Konsum behandelt, bleibt möglicherweise die Angst bestehen, die ihn mit aufrechterhalten hat.
Wird ausschließlich die Angst betrachtet, kann wiederum übersehen werden, dass der Konsum längst eine eigene Dynamik entwickelt hat.
Nachhaltige Veränderung bedeutet deshalb häufig, nicht nur die Substanz wegzunehmen, sondern neue Möglichkeiten zu entwickeln, mit Angst und Anspannung umzugehen.
Trauma, Traumafolgen und Sucht
Traumatische Erfahrungen verschwinden nicht automatisch, nur weil sie lange zurückliegen.
Manchmal bleiben ihre Auswirkungen im Körper und in der Psyche spürbar: innere Unruhe, Übererregung, Schlafstörungen, Albträume, belastende Erinnerungen, emotionale Taubheit oder das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen.
Substanzen können dann eine besondere Funktion bekommen.
Wenn es darum geht, nicht mehr fühlen zu müssen
Alkohol, Medikamente oder andere Substanzen können vorübergehend helfen, innere Anspannung zu reduzieren oder belastende Erinnerungen und Gefühle in den Hintergrund zu drängen.
Der Konsum kann zu einem Versuch werden,
zu beruhigen, was innerlich nicht zur Ruhe kommt,
oder
zu betäuben, was sich kaum aushalten lässt.
Gerade deshalb ist es wichtig, bei einer Suchterkrankung auch nach der Geschichte hinter dem Konsum zu fragen.
Ein scheinbarer Schutz mit langfristigen Folgen
Kurzfristig kann die Substanz tatsächlich Entlastung verschaffen. Langfristig kann jedoch ein Kreislauf entstehen:
Traumafolgen → innere Überforderung → Konsum → kurzfristige Entlastung → zunehmende Abhängigkeit und weitere Belastungen → erneuter Konsum
Dabei kann die Substanz irgendwann selbst zu einem zusätzlichen Problem werden – obwohl sie ursprünglich vielleicht dabei geholfen hat, überhaupt mit bestimmten inneren Zuständen zurechtzukommen.
Traumasensibel bedeutet nicht, alles auf Trauma zurückzuführen
Nicht jede Suchterkrankung ist Folge eines Traumas. Und nicht jeder Mensch mit traumatischen Erfahrungen entwickelt eine Abhängigkeit.
Traumasensibles Arbeiten bedeutet deshalb nicht, automatisch nach einem Trauma als Erklärung zu suchen.
Es bedeutet vielmehr, sich zu fragen:
Welche Erfahrungen hat dieser Mensch gemacht? Welche Funktion hat der Konsum übernommen? Und welche anderen Möglichkeiten der Regulation können an seine Stelle treten?
Denn wenn eine Substanz lange dabei geholfen hat, etwas innerlich Unerträgliches auszuhalten, reicht die Aufforderung „Dann hören Sie eben auf“ nicht aus.
Es braucht Alternativen, die Sicherheit und Regulation ermöglichen – ohne dass dafür eine Substanz notwendig ist.
ADHS und Sucht
ADHS wird häufig noch immer vor allem mit unruhigen Kindern verbunden. Doch die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung kann bis ins Erwachsenenalter bestehen und sich dort sehr unterschiedlich zeigen.
Neben Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Konzentration können beispielsweise Impulsivität, innere Unruhe, emotionale Schwankungen, Schwierigkeiten mit Selbstorganisation oder eine ausgeprägte Suche nach Stimulation eine Rolle spielen.
Auch hier können Substanzen irgendwann eine Funktion übernehmen.
Zwischen Beruhigung und Stimulation
Manche Menschen erleben Alkohol oder andere dämpfende Substanzen als Möglichkeit, ihre innere Unruhe herunterzufahren.
Andere suchen eher nach Aktivierung und Stimulation.
Der Konsum kann beispielsweise dazu dienen,
- innere Unruhe zu reduzieren,
- unangenehme Langeweile zu überbrücken,
- sich kurzfristig konzentrierter oder leistungsfähiger zu erleben,
- intensive Gefühle zu regulieren,
- schneller Entspannung zu finden,
- oder einem ständigen inneren Getriebensein zu entkommen.
Impulsivität kann zusätzlich eine Rolle spielen
Nicht jeder Konsum ist von Beginn an geplant.
Gerade Schwierigkeiten mit Impulskontrolle können dazu beitragen, dass Entscheidungen stärker aus dem Moment heraus getroffen werden:
„Nur heute.“ – „Nur dieses eine Mal.“ – „Morgen höre ich wieder auf.“
Wenn gleichzeitig eine Substanz schnell Belohnung oder Entlastung verspricht, kann es schwieriger werden, langfristige Konsequenzen gegen die unmittelbare Wirkung abzuwägen.
ADHS und Sucht müssen voneinander unterschieden werden
Auch diagnostisch ist hier Genauigkeit wichtig.
Konzentrationsprobleme, Unruhe, Schlafstörungen oder emotionale Schwankungen können sowohl bei ADHS als auch im Zusammenhang mit Substanzkonsum, Entzug oder anderen psychischen Erkrankungen auftreten.
Deshalb reicht es nicht aus, einzelne Symptome zu betrachten. Entscheidend sind unter anderem Entwicklungsgeschichte, zeitlicher Verlauf und das Auftreten der Beschwerden bereits vor Beginn eines problematischen Konsums.
Eine gute Diagnostik fragt deshalb nicht nur: „Welche Symptome bestehen heute?“ – sondern auch: „Seit wann bestehen sie und unter welchen Bedingungen treten sie auf?“
So lässt sich besser verstehen, ob tatsächlich zwei Erkrankungen nebeneinander bestehen – und welche Behandlung der einzelne Mensch benötigt.
Persönlichkeitsstörungen und Sucht
Der Begriff Persönlichkeitsstörung wird häufig missverstanden.
Es geht nicht darum, dass mit der „Persönlichkeit etwas nicht stimmt“. Vielmehr können sich über viele Jahre stabile Muster im Erleben, Fühlen und Verhalten entwickeln, die ursprünglich durchaus eine Funktion hatten, später jedoch zu erheblichen Belastungen führen können.
Besonders schwierig kann es werden, wenn die Regulation von Gefühlen, Beziehungen oder innerer Anspannung immer wieder an Grenzen gerät.
Wenn Gefühle kaum regulierbar erscheinen
Bei manchen Menschen werden Emotionen sehr intensiv erlebt.
Wut, Angst, Scham, innere Leere oder Verlassenheitsgefühle können innerhalb kurzer Zeit ein enormes Ausmaß erreichen.
Substanzen können dann zu einem schnellen Mittel werden, diesen Zustand zu verändern.
Nicht unbedingt, weil jemand „Spaß haben“ möchte – sondern weil das innere Erleben für einen Moment weniger intensiv werden soll.
Besonders sichtbar bei emotionaler Instabilität
Bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung können beispielsweise starke emotionale Schwankungen, Impulsivität, Schwierigkeiten in Beziehungen und intensive innere Spannungszustände auftreten.
Konsum kann hier unterschiedliche Funktionen übernehmen:
Anspannung reduzieren → Gefühle betäuben → innere Leere verändern → impulsiv handeln → kurzfristige Entlastung erleben
Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zwangsläufig eine Suchterkrankung entwickeln.
Ebenso wenig lässt sich problematischer Konsum automatisch durch eine Persönlichkeitsstörung erklären.
Verhalten hat eine Geschichte
Gerade bei Diagnosen, die schnell mit Begriffen wie „schwierig“, „manipulativ“ oder „unberechenbar“ verbunden werden, lohnt sich ein anderer Blick.
Statt ausschließlich zu fragen:
„Warum verhält sich dieser Mensch so?“
kann die hilfreichere Frage manchmal lauten:
„Was versucht dieser Mensch mit diesem Verhalten zu regulieren?“
Das entschuldigt nicht jedes Verhalten und nimmt niemandem die Verantwortung für das eigene Handeln.
Aber es ermöglicht, Verhalten zu verstehen, ohne den Menschen darauf zu reduzieren.
Und genau dieses Verständnis kann auch in der Suchtbehandlung entscheidend sein.
Psychosen und Sucht
Psychotische Erkrankungen gehören zu den psychischen Erkrankungen, die für Betroffene und Angehörige besonders verunsichernd sein können.
Während einer Psychose kann sich die Wahrnehmung der Realität verändern. Es können beispielsweise Halluzinationen, starke Überzeugungen, die von anderen nicht geteilt werden, Verfolgungsgefühle oder erhebliche Veränderungen des Denkens und Erlebens auftreten.
Auch hier können Suchtmittel eine Rolle spielen – allerdings auf unterschiedliche Weise.
Wenn Konsum und psychotisches Erleben zusammentreffen
Manche Menschen konsumieren Substanzen, um mit belastenden Gefühlen, Schlafproblemen, sozialer Unsicherheit oder den Folgen einer psychischen Erkrankung umzugehen.
Gleichzeitig können bestimmte Substanzen psychotische Symptome auslösen oder bestehende Symptome verstärken.
Das gilt insbesondere bei entsprechend hoher Dosierung oder individueller Vulnerabilität beispielsweise für Cannabis, Amphetamine, Methamphetamin oder Kokain.
Dadurch entsteht diagnostisch eine besonders wichtige Frage:
Ist die Psychose unabhängig vom Konsum entstanden – oder wurde sie durch eine Substanz ausgelöst?
Diese Unterscheidung ist nicht immer sofort möglich.
Entscheidend sind unter anderem der zeitliche Zusammenhang zwischen Konsum und Symptomen, die Art und Dauer des Konsums, frühere psychotische Episoden sowie der weitere Verlauf in abstinenten Phasen.
Ein komplexes Wechselspiel
Auch hier kann sich ein Kreislauf entwickeln:
Psychische Belastung → Konsum → kurzfristige Veränderung des Erlebens → Verstärkung psychotischer Symptome → zunehmende Belastung → erneuter Konsum
Deshalb sollte weder die psychotische Symptomatik noch die Suchterkrankung isoliert betrachtet werden.
Beides braucht Aufmerksamkeit
Bei einer sogenannten Doppeldiagnose kann es problematisch sein, wenn eine Behandlung sinngemäß lautet:
„Erst müssen Sie abstinent sein – danach kümmern wir uns um die psychische Erkrankung.“
Denn möglicherweise hängen beide Erkrankungen eng miteinander zusammen.
Eine integrierte Behandlung versucht deshalb, Sucht und psychische Erkrankung gemeinsam in den Blick zu nehmen, anstatt eine Seite auszublenden.
Denn hinter beiden Diagnosen steht letztlich kein „Suchtkranker“ und kein „Psychotiker“.
Dort steht ein Mensch, dessen Erleben, Geschichte und Erkrankungen in ihrem Zusammenhang verstanden werden müssen.
Wenn Symptome sich ähneln
Sucht und psychische Erkrankungen lassen sich nicht immer auf den ersten Blick voneinander trennen.
Denn viele Symptome, die bei psychischen Erkrankungen auftreten, können auch durch Konsum, Intoxikation oder Entzug entstehen oder verstärkt werden.
Schlafstörungen, Ängste, depressive Stimmung, innere Unruhe, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen oder Veränderungen der Wahrnehmung können unterschiedliche Ursachen haben.
Deshalb ist der zeitliche Verlauf so wichtig
In der Diagnostik reicht es nicht aus, nur zu fragen:
„Welche Symptome bestehen?“
Ebenso wichtig sind Fragen wie:
Wann haben die Beschwerden begonnen?
Gab es sie bereits vor dem regelmäßigen Konsum?
Wie verändern sie sich während des Konsums?
Was passiert in abstinenten Phasen?
Gab es ähnliche Beschwerden schon früher im Leben?
Erst daraus entsteht nach und nach ein differenzierteres Bild.
Nicht jedes Symptom ist eine eigenständige Erkrankung
Ein Mensch kann während eines Entzugs beispielsweise stark ängstlich, gereizt oder niedergeschlagen sein, ohne dass deshalb automatisch eine eigenständige Angststörung oder Depression vorliegen muss.
Umgekehrt wäre es ebenso problematisch, psychische Beschwerden grundsätzlich auf den Konsum zurückzuführen.
Denn dann könnte eine bereits bestehende psychische Erkrankung übersehen werden.
Gute Diagnostik braucht Zeit
Gerade bei sogenannten Doppeldiagnosen bedeutet Diagnostik deshalb mehr als das Abhaken einzelner Symptome.
Sie betrachtet Biografie, Entwicklung, Konsumgeschichte, psychische Beschwerden, aktuelle Lebenssituation und den zeitlichen Zusammenhang zwischen ihnen.
Manchmal lässt sich eine Diagnose erst im Verlauf sicherer einordnen.
Denn ein Symptom erzählt uns, was gerade sichtbar ist. Die Geschichte dahinter hilft uns zu verstehen, woher es kommen könnte.
Warum beides gemeinsam behandelt werden sollte
Wenn Sucht und eine weitere psychische Erkrankung gleichzeitig bestehen, kann es zu kurz greifen, nur eine Seite zu behandeln.
Denn was passiert beispielsweise, wenn ein Mensch aufhört zu trinken – der Alkohol aber jahrelang seine einzige Möglichkeit war, Angst, innere Anspannung oder belastende Erinnerungen zu regulieren?
Die Substanz ist weg.
Der Grund, warum sie gebraucht wurde, möglicherweise nicht.
Abstinenz allein löst nicht jedes Problem
Für viele Menschen ist Abstinenz oder eine deutliche Veränderung des Konsums ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.
Doch gleichzeitig muss betrachtet werden, was an die Stelle des Konsums treten kann.
Das kann bedeuten,
- neue Möglichkeiten der Emotionsregulation zu entwickeln,
- Ängste therapeutisch zu behandeln,
- depressive Symptome zu berücksichtigen,
- traumatische Erfahrungen behutsam aufzuarbeiten,
- den Umgang mit Stress und Belastungen zu verändern,
- soziale Beziehungen und Tagesstruktur zu stabilisieren,
- und gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung einzubeziehen.
Integrierte Behandlung statt „entweder – oder“
Bei gleichzeitig bestehenden Erkrankungen spricht vieles dafür, beide Problembereiche aufeinander abgestimmt zu behandeln.
Suchtbehandlung und psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung sollten deshalb möglichst nicht wie zwei voneinander unabhängige Welten funktionieren.
Denn häufig beeinflusst eine Veränderung auf der einen Seite auch die andere.
Wird beispielsweise die Angst besser regulierbar, kann das Bedürfnis nach Konsum abnehmen.
Stabilisiert sich der Konsum, können wiederum psychische Symptome klarer eingeordnet und behandelt werden.
Die entscheidende Frage verändert sich
Statt nur zu fragen:
„Wie schaffen wir es, dass dieser Mensch nicht mehr konsumiert?“
kann die umfassendere Frage lauten:
„Was braucht dieser Mensch, damit er die Substanz nicht mehr für dieselbe Funktion benötigt?“
Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied.
Suchtbehandlung bedeutet nicht nur, etwas wegzunehmen. Sie bedeutet auch, gemeinsam etwas aufzubauen, das an seine Stelle treten kann.
Sucht ist keine Frage von Willensschwäche
Noch immer wird Abhängigkeit häufig moralisch bewertet.
„Warum hört er nicht einfach auf?“
„Sie weiß doch, dass es ihr schadet.“
„Wenn er wirklich wollte, würde er es schaffen.“
Solche Sätze wirken auf den ersten Blick vielleicht nachvollziehbar. Sie greifen jedoch zu kurz.
Wissen allein verändert noch kein Verhalten
Viele Menschen mit einer Abhängigkeit wissen sehr genau, welche Folgen ihr Konsum hat.
Sie erleben Konflikte.
Sie schämen sich.
Sie nehmen körperliche oder psychische Veränderungen wahr.
Sie nehmen sich möglicherweise immer wieder vor, weniger oder gar nicht mehr zu konsumieren.
Und trotzdem gelingt es nicht dauerhaft.
Das bedeutet nicht automatisch, dass der Wille fehlt.
Abhängigkeit verändert Lern-, Belohnungs- und Regulationsprozesse. Gleichzeitig können psychische Erkrankungen dazu führen, dass eine Substanz eine sehr konkrete Funktion erfüllt.
Wer beispielsweise Alkohol nutzt, um schwere Ängste zu reduzieren, verzichtet beim Aufhören nicht einfach nur auf Alkohol.
Er verliert möglicherweise zunächst auch seine bisherige Strategie gegen die Angst.
Hinter dem Konsum steht ein Mensch
Das bedeutet nicht, problematischen Konsum zu verharmlosen.
Abhängigkeit kann erhebliche Folgen haben – für die betroffene Person ebenso wie für Partner, Kinder, Familie, Freunde und das berufliche Umfeld.
Verstehen bedeutet deshalb nicht, alles zu entschuldigen.
Verstehen und Verantwortung schließen sich nicht aus.
Ein Mensch kann Verantwortung für sein Verhalten übernehmen und gleichzeitig Unterstützung dabei benötigen, die Mechanismen dahinter zu erkennen und zu verändern.
Von „Warum macht er das?“ zu „Wozu braucht er es?“
Diese kleine Veränderung der Frage kann einen großen Unterschied machen.
Nicht nur:
Warum konsumiert dieser Mensch?
Sondern:
Welche Funktion erfüllt der Konsum?
Was wird dadurch leiser?
Was wird erträglicher?
Was muss für einen Moment nicht gespürt werden?
Und was müsste entstehen, damit die Substanz diese Aufgabe irgendwann nicht mehr übernehmen muss?
Denn nachhaltige Veränderung beginnt häufig nicht dort, wo wir einen Menschen bewerten – sondern dort, wo wir anfangen, ihn zu verstehen.
Wann es sinnvoll ist, genauer hinzuschauen
Nicht jeder Konsum bei einer psychischen Belastung bedeutet automatisch eine Abhängigkeit. Und nicht jede psychische Krise im Zusammenhang mit Konsum bedeutet, dass eine eigenständige psychische Erkrankung vorliegt.
Es gibt jedoch Hinweise, bei denen es sinnvoll sein kann, genauer hinzusehen.
Fragen, die dabei helfen können
Konsumiere ich, um bestimmte Gefühle auszuhalten oder nicht spüren zu müssen?
Brauche ich Alkohol, Medikamente oder andere Substanzen zunehmend, um mich zu beruhigen, schlafen zu können oder mich „normal“ zu fühlen?
Greife ich besonders dann zur Substanz, wenn es mir psychisch schlecht geht?
Haben sich Ängste, depressive Stimmung, innere Unruhe oder andere Beschwerden durch meinen Konsum verändert?
Habe ich bereits versucht, weniger zu konsumieren oder aufzuhören – und festgestellt, dass es schwieriger ist als gedacht?
Verschlechtert sich mein psychischer Zustand deutlich, wenn ich nicht konsumiere?
Beeinflusst mein Konsum inzwischen Beziehungen, Arbeit, Gesundheit oder meinen Alltag?
Eine einzelne mit „Ja“ beantwortete Frage stellt noch keine Diagnose dar.
Wenn jedoch mehrere dieser Punkte zutreffen oder der Konsum zunehmend als notwendig erlebt wird, kann eine professionelle Abklärung sinnvoll sein.
Hilfe bedeutet nicht automatisch sofortige Abstinenz
Die Sorge, bei professioneller Unterstützung unmittelbar zu etwas gedrängt zu werden, kann Menschen davon abhalten, überhaupt über ihren Konsum zu sprechen.
Ein erster Schritt kann jedoch zunächst darin bestehen, gemeinsam zu verstehen, was gerade passiert.
Wie sieht der Konsum aus?
Welche psychischen Beschwerden bestehen?
Welche Funktion erfüllt die Substanz?
Welche Risiken gibt es?
Und welche Form der Unterstützung könnte passen?
Gerade bei gleichzeitig bestehenden psychischen Beschwerden sollte außerdem ein wichtiger Punkt berücksichtigt werden:
Ein abruptes Absetzen bestimmter Substanzen – insbesondere bei körperlicher Abhängigkeit von Alkohol oder bestimmten Medikamenten – kann medizinisch gefährlich sein und sollte nicht eigenständig erfolgen.
Hilfe zu suchen bedeutet deshalb nicht, bereits alle Antworten haben zu müssen.
Manchmal beginnt Veränderung einfach mit dem Satz: „Ich glaube, dass beides miteinander zusammenhängen könnte.“
Nicht die Diagnose, sondern den Menschen verstehen
Wenn Sucht und psychische Erkrankungen gemeinsam auftreten, entsteht schnell eine Vielzahl von Begriffen:
Abhängigkeit. Depression. Angststörung. Trauma. ADHS. Persönlichkeitsstörung. Psychose. Doppeldiagnose.
Diagnosen können wichtig sein. Sie helfen dabei, Symptome einzuordnen, Behandlungen zu planen und geeignete Unterstützung zu finden.
Doch sie erzählen niemals die ganze Geschichte eines Menschen.
Zwei Menschen können dasselbe konsumieren – aus völlig unterschiedlichen Gründen
Der eine trinkt, um seine Ängste für einige Stunden leiser werden zu lassen.
Die andere konsumiert, weil sie eine innere Leere kaum aushält.
Ein anderer sucht nach Stimulation, während wiederum jemand versucht, belastende Erinnerungen zu betäuben.
Von außen sehen wir möglicherweise dasselbe Verhalten.
Innerlich kann etwas vollkommen Unterschiedliches geschehen.
Genau deshalb braucht Suchtbehandlung Individualität.
Die Funktion verstehen – ohne die Folgen zu verharmlosen
Zu verstehen, weshalb ein Mensch konsumiert, bedeutet nicht, die Folgen einer Abhängigkeit kleinzureden.
Es bedeutet vielmehr, zwei Dinge gleichzeitig sehen zu können:
Der Konsum kann schädlich sein – und trotzdem einmal eine hilfreiche Funktion erfüllt haben.
Vielleicht war er eine Möglichkeit, Angst auszuhalten.
Vielleicht eine Form der Selbstberuhigung.
Vielleicht ein Weg, schlafen zu können.
Vielleicht eine Möglichkeit, für einige Stunden nichts fühlen zu müssen.
Wenn diese Funktion verstanden wird, kann gemeinsam nach anderen Möglichkeiten gesucht werden, sie zu erfüllen.
Verstehen statt bewerten
Vielleicht lautet die wichtigste Frage deshalb am Ende nicht:
„Was stimmt mit diesem Menschen nicht?“
Sondern:
„Was ist diesem Menschen passiert, was erlebt er heute – und was braucht er, damit Veränderung möglich werden kann?“
Denn hinter einer Suchterkrankung und hinter jeder weiteren psychischen Diagnose steht immer zuerst eines:
ein Mensch mit einer Geschichte.
Was bleibt
Sucht und psychische Erkrankungen lassen sich nicht immer voneinander trennen.
Manchmal steht die psychische Belastung am Anfang. Manchmal entwickelt sie sich im Verlauf des Konsums. Und manchmal entsteht ein Kreislauf, in dem sich beide Erkrankungen gegenseitig beeinflussen.
Deshalb lohnt sich der Blick hinter das sichtbare Verhalten.
Nicht nur: „Was konsumiert jemand?“
Sondern auch:
Warum gerade diese Substanz?
Warum gerade in bestimmten Situationen?
Was verändert sie im inneren Erleben?
Welche Funktion hat sie übernommen?
Und was könnte langfristig an ihre Stelle treten?
Eine Suchterkrankung zu verstehen bedeutet nicht, ihre Folgen zu verharmlosen.
Eine psychische Erkrankung zu verstehen bedeutet ebenso wenig, jedes Verhalten mit ihr zu erklären.
Es bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen – und daraus passendere Wege der Behandlung und Veränderung entwickeln zu können.
🌿
Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke dieses Beitrags:
Wir sollten nicht nur versuchen, den Konsum zu beenden.
Wir sollten auch verstehen, warum er einmal gebraucht wurde.
Denn dort, wo ein Mensch andere Möglichkeiten findet, mit Angst, Leere, Anspannung, Erinnerungen oder innerer Unruhe umzugehen, kann etwas entstehen, das weit über Abstinenz hinausgeht:
Stabilität. Selbstwirksamkeit. Und die Möglichkeit, das eigene Leben wieder anders zu gestalten.
Mein therapeutischer Blick
Wenn Menschen mit einer Abhängigkeit und gleichzeitig bestehenden psychischen Belastungen zu mir kommen, ist für mich eine Frage besonders wichtig:
Welche Funktion hat der Konsum im Leben dieses Menschen übernommen?
Denn hinter einer Abhängigkeit steht häufig mehr als die Substanz selbst.
Vielleicht hilft Alkohol dabei, Ängste für einige Stunden leiser werden zu lassen.
Vielleicht werden Medikamente eingesetzt, um überhaupt schlafen zu können.
Vielleicht dienen andere Substanzen dazu, innere Leere, Anspannung oder belastende Erinnerungen weniger intensiv wahrzunehmen.
Aus therapeutischer Sicht bedeutet das für mich:
Es reicht häufig nicht aus, ausschließlich auf den Konsum zu schauen.
Ich möchte verstehen,
was vor dem Konsum passiert,
was sich währenddessen verändert
und was danach zurückbleibt.
Gleichzeitig ist mir wichtig, psychische Beschwerden nicht vorschnell allein durch die Abhängigkeit zu erklären.
Eine Depression kann bereits vorher bestanden haben.
Eine Angststörung kann den Konsum mit beeinflussen.
Traumatische Erfahrungen können eine Rolle spielen.
Oder bestimmte Symptome können tatsächlich erst durch Konsum oder Entzug entstanden sein.
Gerade deshalb braucht es einen differenzierten Blick auf Biografie, psychische Entwicklung, Konsumverlauf und aktuelle Lebenssituation.
Für mich bedeutet therapeutisches Arbeiten dabei nicht, problematisches Verhalten zu entschuldigen.
Es bedeutet vielmehr, Verantwortung und Verständnis miteinander zu verbinden.
Denn erst wenn wir verstehen, welche Aufgabe eine Substanz bisher übernommen hat, können wir gemeinsam überlegen:
Was kann zukünftig an ihre Stelle treten?
Fazit
Sucht und psychische Erkrankungen stehen häufig nicht einfach nebeneinander.
Sie können sich gegenseitig beeinflussen, verstärken und über Jahre miteinander verbinden.
Manchmal beginnt der Konsum als Versuch, Angst zu beruhigen.
Manchmal soll er Leere füllen.
Manchmal hilft er scheinbar beim Schlafen, beim Abschalten oder dabei, Erinnerungen für einen Moment nicht spüren zu müssen.
Und irgendwann kann genau das, was ursprünglich Entlastung geschaffen hat, selbst zu einer zusätzlichen Belastung werden.
Deshalb greift die Frage
„Warum hört dieser Mensch nicht einfach auf?“
oft zu kurz.
Die wichtigeren Fragen können sein:
Was erfüllt der Konsum für eine Funktion?
Welche psychische Belastung steht möglicherweise dahinter?
Was verstärkt sich gegenseitig?
Und was braucht dieser Mensch, damit andere Formen der Regulation möglich werden?
Sucht zu verstehen bedeutet nicht, ihre Folgen zu verharmlosen.
Psychische Erkrankungen zu berücksichtigen bedeutet nicht, Verantwortung aufzuheben.
Es bedeutet, den ganzen Menschen zu betrachten.
Denn nachhaltige Veränderung entsteht häufig dort, wo nicht nur etwas wegfallen soll – sondern gleichzeitig etwas Neues entstehen darf:
Stabilität. Andere Bewältigungsstrategien. Selbstwirksamkeit. Und wieder mehr Freiheit im eigenen Leben.
Verstehen statt bewerten.
Wenn Unterstützung notwendig wird
Sich Hilfe zu holen bedeutet nicht, dass eine Situation bereits „schlimm genug“ sein muss.
Gerade wenn Konsum und psychische Beschwerden gleichzeitig auftreten, kann eine frühzeitige professionelle Einschätzung helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen und passende Unterstützung zu finden.
Mögliche erste Anlaufstellen
Suchtberatungsstellen
Sie beraten Betroffene ebenso wie Angehörige. Die Beratung ist in Deutschland in der Regel kostenfrei, vertraulich und auf Wunsch anonym. Eine vorherige Diagnose ist nicht erforderlich. DHS
Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen
Psychotherapeutische Unterstützung
Bei Depressionen, Ängsten, Traumafolgen oder anderen psychischen Beschwerden kann eine psychotherapeutische Sprechstunde ein erster Schritt sein. Eine Überweisung ist dafür nicht erforderlich. Über die 116117 können Praxen gesucht und Termine für eine psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt werden. 116117
Psychotherapie und Terminsuche über 116117
Ärztliche und psychiatrische Hilfe
Insbesondere bei körperlicher Abhängigkeit, starken Entzugssymptomen oder ausgeprägten psychischen Beschwerden sollte zusätzlich ärztliche beziehungsweise psychiatrische Unterstützung einbezogen werden. Entzugsbehandlungen können je nach Situation ambulante oder stationäre medizinische Versorgung erforderlich machen. DHS
Wichtig
Alkohol und bestimmte Medikamente sollten bei bestehender körperlicher Abhängigkeit nicht plötzlich eigenständig abgesetzt werden. Ein Entzug kann medizinische Risiken mit sich bringen und sollte fachlich begleitet werden.
Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung, schweren Entzugssymptomen oder einer akuten psychischen Krise sollte unmittelbar medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
🌿
Ein erster Schritt darf klein sein
Man muss nicht bereits wissen, welche Behandlung die richtige ist.
Man muss auch noch nicht wissen, ob man vollständig abstinent leben möchte.
Manchmal besteht der erste Schritt lediglich darin, offen auszusprechen:
„Mein Konsum und meine psychische Verfassung hängen möglicherweise miteinander zusammen – und ich möchte verstehen, was dahintersteckt.“
Das kann bereits der Anfang von Veränderung sein.
Quellen & weiterführende Literatur
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle psychologische, psychotherapeutische oder ärztliche Diagnostik und Behandlung.
Fachliche Grundlagen
World Health Organization (WHO)
Mental Health Gap Action Programme (mhGAP) – Guideline for mental, neurological and substance use disorders.
Die WHO betrachtet psychische Erkrankungen und substanzbezogene Störungen ausdrücklich gemeinsam innerhalb ihres evidenzbasierten mhGAP-Programms. Die aktuelle Evidenzplattform umfasst unter anderem Depressionen, Psychosen, Angst, stressbezogene Erkrankungen sowie Alkohol- und Drogenkonsumstörungen. Weltgesundheitsorganisation
WHO – Mental Health Gap Action Programme
National Institute for Health and Care Excellence (NICE)
Coexisting severe mental illness (psychosis) and substance misuse: assessment and management in healthcare settings.
Die Leitlinie behandelt ausdrücklich die gemeinsame Diagnostik und Behandlung von psychotischen Erkrankungen und Substanzkonsumstörungen und betont, dass Betroffene wegen der jeweils anderen Erkrankung nicht von einer Behandlung ausgeschlossen werden sollen. Nice
NICE – Coexisting severe mental illness and substance misuse
National Institute for Health and Care Excellence (NICE)
Coexisting severe mental illness and substance misuse: community health and social care services.
Hier steht insbesondere die koordinierte und personenzentrierte Versorgung bei gleichzeitig bestehenden psychischen Erkrankungen und Substanzproblemen im Mittelpunkt. Nice
🌿
Hinweis
Die Zusammenhänge zwischen Sucht und psychischen Erkrankungen sind komplex. Nicht jede psychische Erkrankung führt zu problematischem Konsum und nicht jede Suchterkrankung lässt sich durch eine andere psychische Erkrankung erklären.
Diagnosen sollten deshalb immer individuell und unter Berücksichtigung der persönlichen Entwicklung, des zeitlichen Verlaufs, des Konsummusters und möglicher weiterer Einflussfaktoren gestellt werden.
FAQ - Häufige Fragen zu Sucht und psychischen Erkrankungen
Was bedeutet Doppeldiagnose?
Von einer Doppeldiagnose spricht man, wenn neben einer Suchterkrankung gleichzeitig eine weitere psychische Erkrankung besteht, zum Beispiel eine Depression, Angststörung, Traumafolgestörung oder psychotische Erkrankung.
Wichtig ist dabei: Beide Erkrankungen können sich gegenseitig beeinflussen und sollten deshalb möglichst gemeinsam betrachtet werden.
Was war zuerst da – die Sucht oder die psychische Erkrankung?
Das lässt sich nicht immer eindeutig beantworten.
Bei manchen Menschen bestand die psychische Belastung bereits vor dem problematischen Konsum. Bei anderen entwickeln sich psychische Symptome erst durch langjährigen Konsum, Intoxikation oder Entzug.
Häufig beeinflussen sich beide Prozesse gegenseitig.
Kann eine psychische Erkrankung zu einer Sucht führen?
Eine psychische Erkrankung führt nicht automatisch zu einer Abhängigkeit.
Psychische Belastungen können jedoch das Risiko erhöhen, Substanzen zur Beruhigung, Aktivierung, Ablenkung oder emotionalen Regulation einzusetzen.
Wenn der Konsum zunehmend notwendig erscheint, kann sich daraus eine eigene Suchtdynamik entwickeln.
Kann Alkohol Depressionen oder Ängste verstärken?
Ja. Alkohol kann kurzfristig entspannend oder enthemmend wirken, langfristig jedoch depressive Verstimmungen, Ängste, Schlafprobleme und innere Unruhe verstärken.
Besonders deutlich kann dies werden, wenn die Wirkung nachlässt oder Entzugssymptome auftreten.
Können Drogen psychotische Symptome auslösen?
Bestimmte Substanzen können psychotische Symptome begünstigen oder verstärken.
Dazu gehören beispielsweise Cannabis, Amphetamine, Methamphetamin und Kokain. Ob eine eigenständige psychotische Erkrankung oder eine substanzinduzierte Psychose vorliegt, muss individuell diagnostisch abgeklärt werden.
Ist Sucht Selbstmedikation?
Manchmal kann Konsum tatsächlich eine Form der Selbstmedikation darstellen.
Damit ist gemeint, dass eine Substanz genutzt wird, um psychische Beschwerden wie Angst, innere Anspannung, Schlafprobleme oder belastende Erinnerungen kurzfristig zu verändern.
Das erklärt jedoch nicht jede Suchterkrankung.
Muss zuerst die Sucht behandelt werden und danach die psychische Erkrankung?
Nicht grundsätzlich.
Gerade bei gleichzeitig bestehenden Erkrankungen ist es häufig sinnvoll, beide Bereiche aufeinander abgestimmt zu behandeln.
Denn wenn die psychische Belastung bestehen bleibt, kann sie weiterhin ein wichtiger Auslöser für Konsum sein.
Bedeutet eine psychische Erkrankung, dass jemand keine Verantwortung für seinen Konsum trägt?
Nein.
Eine psychische Erkrankung kann erklären helfen, warum Konsum bestimmte Funktionen übernommen hat. Sie hebt jedoch nicht automatisch die Verantwortung für das eigene Verhalten auf.
Verstehen und Verantwortung können gleichzeitig bestehen.
Wann sollte man sich professionelle Hilfe holen?
Spätestens dann, wenn der Konsum zunehmend schwer kontrollierbar wird, psychische Beschwerden stärker werden oder Beziehungen, Arbeit, Gesundheit und Alltag darunter leiden.
Auch wenn eine Substanz immer häufiger benötigt wird, um sich zu beruhigen, schlafen zu können oder sich überhaupt „normal“ zu fühlen, kann eine professionelle Einschätzung sinnvoll sein.
Wo findet man Hilfe?
Mögliche erste Anlaufstellen sind Suchtberatungsstellen, Hausärzte, Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, psychotherapeutische Praxen oder spezialisierte ambulante und stationäre Einrichtungen.
Bei körperlicher Abhängigkeit von Alkohol oder bestimmten Medikamenten sollte ein Absetzen nicht eigenständig und abrupt erfolgen, sondern ärztlich begleitet werden.
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